Echo - Nr.37 / 22. Jahrgang / 13. September 2000 - Seite 18

Ein Seehund gehört nicht in die Badewanne

Zehn Tiere im Evermannsgatt in die Freiheit entlassen

Helfer legen 25 000 Kilometer im Jahr zurück

 

Jedes Jahr ein ganz besonderes Erlebnis. Klaas Holger Dierks berichtet von einer Reise in die Freiheit.

Norddeich. „Wir wollen Seehunde besuchen und einige ih­rer Verwandte zu ihnen bringen“, begrüßte am Sonnabend humorvoll Kapitän Theodor Itzenga an Bord der 20 Jahre alten „Frisia IX“. einige hundert Gäste, darunter viele Kinder.  Sie alle wollten  miterleben, wie Mitarbeiter der  Seehundaufzucht- und Forschungsstation Norddeich zehn junge Seehunde wieder in ihr ureigenes Element zurückgaben.

Ziel der Aktion war die Sandbank Evermannsgatt, unmittelbar an der Nordspitze von Borkum. Die Sonne schien noch einmal richtig schön und warm, bei Windstärke drei bis vier schaukelte das Schiff der Reederei Norden-Frisia durchs Busetief zwischen Norderney und Juist, seeseitig entlang der Juister Küste in Richtung Memmert und Borkum und stoppte endlich wenige Meter vor der Sandbank Evermannsgatt. In einem großen Container sonnten sich die zehn Tiere, schliefen oder beobachteten mit ihren großen Kugelau­gen die vielen neugierigen Zweibeiner, die mit Kameras und Filmapparaten für Erinnerungsbilder sorgten.

34 Seehunde wurden in diesem Jahr schon ausgesetzt. Diese und die zehn Fahrgäste auf der „Frisia IX“ wiegen im Durchschnitt 30 Kilogramm. Sie wurden zwei bis drei Monate in der Norddeicher Station aufgepäppelt, bis sie die notwendige Kraft und das Gewicht und somit eine hundertprozentige Chance zum überleben erhalten haften, um ausgewildert zu werden.

Die Norddeicher Einrichtung der Landesjägerschaft Niedersachsen (Kooperationspartner des Deutschen Tierhilfswerkes München) arbeitet seit rund 30 Jahren. Und es gibt große Pläne: Stationsleiter Winhold Schumann möchte   ein Institut für Meeressäuger nach Norddeich haben. Und auch eine Quarantänestation soll laut Schumann bald gebaut werden. Der Seehundbestand in der Nordsee sei durchweg gesund, erklärte Schumann. Doch es gibt auch kranke Tiere. Und die müssten von den gesunden Seehunden getrennt werden.

In den Sommermonaten zwischen Anfang Juni und Ende Juli werden in der Station „Heuler“, also mutterlose Jungtiere, Krankheiten von der Mutter getrennt. Pflege und Aufzucht kosten Geld. So verschlingt ein Seehund in kürzester Zeit drei bis vier Kilogramm Heringe. Darum vermittelt die Norddeicher Station Paten, egal, ob Privatpersonen, Vereine oder Firmen. Für 500 DM je Saison haben diese Paten unter anderem dann das Recht, den Tieren Vornamen zu geben. Doch die Ausgaben je Tier belaufen sich auf 3000 bis 4000DM pro Saison. Ein weiterer Kostenpunkt: Die Mitarbeiter - darunter über 55 ehrenamtliche Helfer der Station fahren im Jahr rund 25000 Kilometer entlang der Küste, um ihre Schützlinge abzuholen. Denn nach Norddeich kommen alle gefundenen Seehunde. Ein kurioser Fall: Einmal musste ein Tier aus Oldenburg abgeholt werden. Ein Gast hatte das niedliche Kerlchen einfach als Souvenir mit nach Hause genommen und in die Badewanne gesteckt.

Am Schluss Tipps von Schumann, wenn ein Seehund gefunden werden sollte: Nicht anfassen, Abstand halten, andere Menschen und Hunde fernhalten, Seehundstation, Polizei oder Seehundjäger informieren und natürlich auf keinen Fall das Tier mit nach Hause nehmen.

Fotos: Dierks